Teil 1
In diesem Artikel geht es um eine Bestandsanalyse der Regulatorik, marktreifen Technik und Forschung mit Hinblick auf den Schutz der elektrischen Infrastruktur und Netze vor physischen Ereignissen und Angriffen.
Es ist wichtig zu erwähnen, dass die meisten und größten (hinsichtlich nicht versorgter Kunden) Stromausfälle der Welt durch technisches oder menschliches Versagen verursacht werden, weit weniger durch Naturkatastrophen oder physische Angriffe. Während jedoch das Versagen mehr oder minder einer Stochastik unterliegen, gibt es bei den physischen Angriffen die Dimension der koordinierten Zerstörung hinsichtlich des Zeitpunkts, der Ziele und des Umfangs. Darüber hinaus gibt es bei den Naturkatastrophen die Dimension des großflächigen Zerstörungspotentials. Naturkatastrophen oder physische Angriffe führen damit auch zu wesentlich längeren Ausfallzeiten.
Wenn man die Bedrohungslage als zunehmend betrachtet (Klimawandel, hybride Kriegsführung), dann muss eine Gesellschaft Maßnahmen ergreifen.
In der deutschen Energiewirtschaft, Politik und Medienlandschaft spielten physische Ereignisse in der Vergangenheit eine untergeordnete Rolle. Während für Cyberangriffe Regularien geschaffen, Forschung betrieben und Gelder bereitgestellt wurden, befand sich der physische Schutz der elektrischen Energieversorgung in Deutschland und Europa auf dem Stand der Technik von vor vielen Jahren und war kein Thema der Diskussion.
Das änderte sich zum einen durch Extremwetterereignisse wie im Ahrtal, dem Überfall Russlands auf die Ukraine und durch zunehmende Sabotage auf kritische Infrastrukturen. Mit dem „KRITIS-Dachgesetz“ (Regierungsentwurf verabschiedet am 10.09.2025) gibt es jetzt zum ersten Mal eine umfangreiche Regulatorik, um den Schutz von physischen Ereignissen und Angriffen zu berücksichtigen. Damit soll auch die CER-Richtlinie der Europäischen Union umgesetzt werden. Das Gesetzt ist jedoch noch nicht verabschiedet und die Branche muss sich zunächst noch einarbeiten.

Es macht Sinn, den Schutz gegen physische Ereignisse und Angriffe separat von den anderen Gefahren für die elektrische Energieversorgung zu betrachten (siehe Abb. 1). Maßnahmen gegen Auswirkungen von Pandemien, einem Cyberangriff oder Strommangel müssen auf einer anderen Ebene gesetzt werden als der physische Schutz.
Im Gesamtkonzept sind alle Maßnahmen wichtig, aber die separate Betrachtung der physischen Ereignesse erlaubt den Fokus auf den physischen Schutz zu legen.

Schutzmaßnahmen für den physischen Schutz umfassen bauliche Sicherungen, Zutrittskontrollen, Überwachungssysteme, visuelle Abschottung, Geheimhaltung sensibler Standortinformationen sowie die enge Zusammenarbeit von Netzbetreibern mit Sicherheitsbehörden.
Dabei muss klar sein, dass man keinen absoluten Schutz erschaffen kann, aber den Angriff deutlich erschweren und das die Angreifer mit Konsequenzen rechnen müssen. Es muss auch nicht jede Infrasturktur gesichert werden: je größer die Konzequenz eines Ausfalls und die geschätzte Ausfallzeit desto höher muss der Schutz sein. Gerade die zentralen Höchstspannungs-Umspannwerke mit den großen Leistungstransformatoren sind hier besonders schützenswert [1].
Abbildung 3 zeigt die Schutzzonen, die man beim pyhsischen Schutz gegen Angriffe auf elektrische Infrastruktur ansetzen kann.

Die Rahmenbedingungen für die Regulatorik des physischen Schutzes kritischer Infrastrukturen sollen in Deutschland in Zukunft mit dem „KRITIS-Dachgesetz“ [2] festgelegt werden und auch in einer Resilienzstrategie verankert werden. Das Gesetz wird voraussichtlich im Jahr 2026 von der Legislative in Kraft gesetzt. Technische Umsetzungen sind jedoch noch offen und müssen durch erarbeiten eines Stand der Technik noch ermittelt werden.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat diverse Leitfaden und Papiere erstellt, die unterschiedliche Parteien bei der Vorbereitung auf Stromausfälle hefen sollen [3].
Das Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE (FNN) hat in 2025 einen Hinweis „Aufbau und Betrieb resilienter Stromnetzinfrastrukturen“ [4] veröffentlicht, dass als erste Schritt zu einer Anwendungsregel gilt.
Beim Thema physischer Schutz gegen Angriffe können Deutschland und Europa von den USA lernen. In den USA gibt es aufgrund vergangener Anschläge bereits seit Längerem Regulierungen sowie Angebote von Dienstleistern. So beschreibt der „Reliability Standard CIP-014-2“ der North American Electric Reliability Corp (NERC) die Pflichten von Netzbetreibern, Maßnahmen für die physische Resilienz zu ergreifen. Der IEEE hat die Regulatorik in eine technische Anwendungsregel „IEEE Guide for Physical Security of Electric Power Substations“ überführt [5].
Aus dem industriellen Bereich gibt es von ABB USA auch ein gutes Whitepaper “Five steps to substation physical security and resiliency” [6], welcher auch die Schutzebenen aus Abbildung 3 mit aufgreift.
In der deutschen Forschung gab es mit „RESIST” ein größeres Projekt, das sich mit Resilienz im Stromnetz beschäftigte [7]. Im Forschungsprojekt „LINDA” wurde untersucht, wie eine lokale Inselnetzversorgung und ein beschleunigter Netzwiederaufbau mithilfe dezentraler Erzeugungsanlagen bei großflächigen Stromausfällen helfen können [8].
[1] Dragoș Pasculescu, Daniel N. FÎȚĂ, Roxana HERBEI: „UMSPANNWERKE: Kritische Energieinfrastrukturen“, ISBN 6203916935
[2] Bundesregierung: „Entwurf eines Gesetzes zur Umsetzung der Richtlinie (EU) 2022/2557 und zur Stärkung der Resilienz kritischer Anlagen“, online: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/gesetzgebungsverfahren/DE/Downloads/kabinettsfassung/KM4/reg-kritis-dachgesetz.pdf?__blob=publicationFile&v=1
[3] BKK, „KRITIS-Sektor: Energie“, online: https://www.bbk.bund.de/DE/Themen/Kritische-Infrastrukturen/Sektoren-Branchen/Energie/energie_node.html
[4] FNN: „Aufbau und Betrieb resilienter Stromnetzinfrastrukturen“, https://www.vde-verlag.de/buecher/636500/aufbau-und-betrieb-resilienter-stromnetzinfrastrukturen.html
[5] IEEE: „1402-2021 – IEEE Guide for Physical Security of Electric Power Substations„, https://ieeexplore.ieee.org/document/9611203/references#references
[6] ABB Whitepaper “Five steps to substation physical security and resiliency”, https://library.e.abb.com/public/e8924c3fb5c5400a8890a8c88b6533b5/ABB%205%20Steps%20to%20Substation%20Physical%20Security.pdf
[7] RESIST – Resilienz der Stromversorgung steigern in Zeiten der Energiewende, https://strom-resist.de
[8] LINDA – Lokale Inselnetzversorgung und beschleunigter Netzwiederaufbau mit
dezentralen Erzeugungsanlagen bei großflächigen Stromausfällen, https://www.lew.de/media/5875/schlussbericht_linda_final.pdf